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Die heilige Rüstung des Lithis (Armor of the Ancient)

Baal-Draco

Schüler
Dunkle Schwellen

Der Mond stand tief über den Türmen von Umbra, sein Licht warf blaue Geister auf die Pflastersteine. Am alten Brunnen hinter der Nordmauer wartete Alijan Draco geduldig, die Hand an der Waffe, die Gedanken lauernd. Der Wirt hielt Wort und erschien aus dem Nebel – Kapuze tief ins Gesicht, Taschen voller Gold, dessen Gewicht für Schweigen sorgte.

„Unter der Gildenhalle der Nekromanten“, wisperte er, als hätte jedes Wort Gewicht, „versteckt sich ein uraltes Gewölbe. Dort hausen Dinge, die selbst die Toten fürchten. Dunkle Kreaturen, wahnsinnig gewordene Magier, Untote, Schatten, die Namen in den Albtraum werfen. Wer eintreten will, muss stark sein – und ein Narr oder Verzweifelter.“

Alijan warf ihm das versprochene Gold zu, der Wirt verschwand noch schneller als er gekommen war, und die Nacht wurde wieder einen Hauch dunkler.

Zur selben Zeit glitt Sicarius aus einer Seitengasse zum Vorplatz der Gildenhalle. Das Haus war groß, die Mauern von runenverzierten Steinen, kaum ein Licht in den Fenstern. Was ihm auffiel: Immer wieder huschten einzelne Gestalten durch das Hauptportal. Mal bleiche Nekromanten, mal vermummte Reisende, mal Schatten, kaum zu greifen.

Doch eines war verblüffend: Es gab kein Zurück.
Wer in das Haus der Nekromanten ging, kam nie wieder heraus. Der Eingang sog die Menschen wie ein Abgrund, ein dunkler Schlund aus Hunger, Angst und uralter Verheißung. Schon nach kurzer Beobachtung stand fest: Dies war mehr als eine Gildenversammlung – das Haus war eine Pforte, ein Labyrinth, vielleicht schon das Tor zu dem, was der Wirt erwähnt hatte.

Sicarius nahm die Beobachtung in sich auf, schärfte die Sinne, und wich tiefer in die Schatten zurück, um Alijan Bericht zu erstatten.

Als Sicarius später zu Alijan ins Inn zurückkehrte, hockten sich beide dicht zusammen im Schatten einer Ecke. Alijan schilderte die Worte des Wirts, Sicarius seine Beobachtungen. Es war klar: Alle Wege zum Schild führten in die Gewölbe unter der Halle – einen Ort, aus dem nur Wahnsinn oder Tod zurückkehrten.

Der nächste Schritt war gesetzt. Doch beide wussten, dass er sie weiter führen würde, als nur unter Stein – tief in das Herz der Dunkelheit selbst.

In den Tiefen von Bedlam

Die Hüterin des Eingangs – eine bleiche, vom Wahnsinn gestreifte Nekromantin – wartete mit verschränkten Armen vor der verborgenen Tür ins Dunkel. Ihr Haar war ein spinnwebenfeines Netz, die Finger voller kleiner, wirbelnder Runen.

„Nur Auserwählte dürfen hinabsteigen. Jeder andere wird den Zorn der Schatten kosten.“

Alijan machte keine Anstalten zu verhandeln. Ein kurzer Wortwechsel, ein gezielter Griff, Sicarius’ Schattenmagie legte sich wie Würgeschlingen um die Frau. Ein leiser Schrei, knisterndes Flackern der Haut – dann gaben ihre Knie nach, und zwischen stöhnenden Flüchen spie sie das geheime Wort aus, das den Zugang zu den Katakomben öffnete. Die große Steintür schwang auf. Geräusche von dumpfem Weh und entferntem Klirren drangen heraus.

Bedlam lag vor ihnen. Ein Labyrinth aus schwarzem, feucht glänzendem Stein, Hallen voller Knochenberge, das Licht gebrochen, als hätte selbst die Zeit Angst, hier zu verweilen. Der Boden war überzogen mit uralten Runenkreisen, das Prickeln unerlöster Magie vibrierte in der Luft.

Sie schritten voran, das Schwert gezückt, Sicarius' Schattenmagie wie ein dunkler Schleier im Rücken. Aus den Nischen krochen Schemen – halb verfault, in alten Rüstungen, die blauen Augen brennend im Totenschädel. Untote Krieger brüllten, Magier riefen Worte aus uralten Zeiten, schleuderten Splitter aus Kälte, Tod und Erinnerung.

Die beiden schlugen sich durch, Schritt um Schritt. Klingen fanden Knochen, Sicarius schnitt Schatten aus Schatten, bannte sie mit leisen Flüchen. An den Wänden zitterten alte Zeichen, darunter verblichene Tagebuchseiten, eingeritzt von jenen, die nie zurückkehrten.

Einige Korridore schienen lebendig – Hände griffen nach Stiefeln, uralte Stimmen sprachen aus Mauerspalten. Einmal standen sie einem magischen Wächter gegenüber, halb Skelett, halb Flammenwesen. Ein Duell voller rasender Zauber – Sicarius warf seine Schatten, Alijan den Schild als Ramme. Erst nach einer Spirale aus Schmerz und Licht sackte die Kreatur zusammen, zu Staub zerfallen.

Immer wieder tauchten Visionen auf, Trugbilder von alten Schrecken, gefallenen Freunden, den eigenen Ängsten. Bedlam fraß die Sinne, die Zeit verzog sich.

Im tiefsten Gewölbe öffnete sich eine Halle von beängstigendem Ausmaß. Mauern aus schwarzem Obsidian, Runenkreise leuchtend wie offene Wunden, der Duft von Tod und Magie. Auf einem Altar thronte der Schild, umgeben von Geistern und Särgen – und vor dem Schild lauerte Meister Theophilus in zerfetzter Robe. Augen voller Wahnsinn, das Gesicht verzerrt vom Irrsinn der Jahre.

„Erlösung… ist euer Recht! All ihr Lebenden, ihr Sünder! Ich schenke Euch den Tod… und Unsterblichkeit!“

Mit diesen Worten brachen die Särge ringsum auf: eine Armee aus Untoten erhob sich, Fäuste und Zauber bereiten zum Angriff. Der Kampf begann. Theophilus schleuderte nekromantische Flüche, rief Schatten aus dem Altar, seine Stimme wurde zu Donner, als er Leben und Tod verblendete. Alijan und Sicarius kämpften verzweifelt, wehrten Angriff um Angriff ab, rissen sich wieder und wieder aus Griffen und Bannkreisen.

Mit letzter Kraft schleuderte Sicarius einen Schattenpfeil mitten in die Brust von Theophilus, während Alijan, den Schild messerscharf voran, durch den Kreis der Untoten stürmte. Der Wahnsinnige taumelte, schrie, fiel – der Kreis zerfiel, ein Donnerschlag. Die Magie brach.

Ein Beben fuhr durch Bedlam. Einige Decken stürzten herab, Hallen barsten. Mit dem Schild gepackt, der von eiskaltem Licht umgeben war, rannten beide zurück, verfolgt von einstürzenden Gängen, Nachzüglerm umherirrender Untoter, dem Heulen der verlorenen Seelen.

Durch einen Nebeneingang, das Herz noch in der Kehle, schleuderten sie sich ins halbzerstörte Freie, das Echo von Theophilus’ letzten Worten im Ohr:
„Jede Erlösung... ist nur ein neuer Albtraum!“

Der Schild war errungen. Doch was sie mit zurück ans Licht brachten, waren nicht nur Artefakt und Atemzug – sondern Schatten, Zweifel und das Echo eines uralten Fluchs.
 

Baal-Draco

Schüler
Die Hallen von Bedlam bebten. Staub rieselte in dicken Wolken aus den Decken, als Alijan Draco und Sicarius hastend durch die schmalen Gänge flohen. Der Schild, von dunklen Runen umschlungen, wog in Alijans Armen schwer. Noch hallte das Kreischen von Meister Theophilus, halb Fluch, halb Versuch, sie ins Grab zu zerren. Untote Hände griffen nach ihnen, verfehlten ihre Mäntel, dann fielen sie zurück in den Strudel der einstürzenden Katakomben.

Sicarius war blass, tiefer Schatten in seinen Augen, das Gesicht von frischem Blut und Nekromantenzauber gezeichnet. Der Ausgang von Bedlam war nur noch ein rissiges Portal in die düstere Nacht, Nebel kroch wie kalte Finger um ihre Beine. Mit letzter Kraft stolperten sie ins Freie – der Schrei des Zerfalls verlor sich hinter ihnen, zurück blieb das Pochen des lebenden Todes im Stein.

Kaum hatten sie die Ruinen hinter sich gelassen, da legte sich eine seltsame Stille über die Gassen von Umbra. Die Welt war für einen Moment nur Dämmerung und das Echo ihrer Atemzüge. Dann wussten beide instinktiv, dass sie beobachtet wurden.

Zwischen zerfallenen Zypressen und geborstenen Statuen am Rand der Nekropolensiedlung stand eine einzelne Gestalt. Der Nebel schien sie zu umarmen, als wäre sie selbst ein Teil davon – groß, hager, das Gesicht hinter tiefem Kapuzenfalten verborgen. Die Luft um ihn flimmerte vor leiser Magie, unter seinen Füßen kräuselte sich der Boden wie von einer unsichtbaren Macht bedrängt.

Alijan und Sicarius hielten inne, die Finger am Schwert, Schild halbgreifend, das Herz noch voller Adrenalin.

Die Gestalt sprach ruhig, mit einer Stimme, die nach Totenglocke klang:
„Ihr habt Bedlam überlebt – und tragt mehr hinaus, als euch lieb sein kann.“

Alijan zog den Schild enger an sich, bereit zur Flucht oder zum Angriff.
„Wer seid Ihr, dass Ihr uns so zu verfolgen wagt? BloodHaven hat keinen Anspruch auf euer Schweigen.“

Das Gesicht unter der Kapuze zeigte sich nur einen glühenden Moment – blasse Haut, stechende Augen, ein Hauch von Verfall, eine Krone aus Knochen über den Stirnlinien.
„BloodHaven ist mir fern. Ich bin der Hüter eines Zirkels alter Nekromantie, und mein Interesse gilt nicht Gold, sondern Gleichgewicht. Der Schild, den ihr tragt, ist der Schlüssel zu Kräften, die Umbra zerstören könnten – oder retten.“

Sicarius trat vor, einen Schritt ins schimmernde Zwielicht:
„Was wollt Ihr? Warnungen oder Flüche? Wir nehmen den Schild – und was unser Auftrag verlangt.“

Der Nekromant lächelte, ein blutloses, kaltes Zucken.
„Warnungen zuerst. Flüche – wenn ihr das Gleichgewicht stört. Fürchte nur, dass Bedlam merkbar offener wurde… Manche Schatten sterben nie ganz.“

Mit diesen Worten löste sich die Gestalt im Nebel auf, ein Echo blieb zurück, das in die Ritzen Umbra sickerte. Alijan und Sicarius standen einen Moment still, der Schweiß auf der Stirn, das Herz voll Zweifel.

Die Flucht war geschafft – doch hinter ihnen formten sich bereits neue Schatten, und die Macht des Artefakts begann, ihre ganz eigene Rechnung zu stellen.
 
Schatten der Vergangenheit

In der goldbetonten Stille der Bibliothek von Yew saß Faolan zwischen hohen Regalen, das Licht fiel über lange Reihen ledriger Bande, der Staub tanzte im Sonnenschlitz. Anch blätterte mit prüfenden Fingern durch ein altes Foliant, die Brille auf der Nasenspitze, während Faolan Zeile um Zeile entzifferte, auf der Suche nach Spuren der Artefakte oder alten Warnungen. Bücher raschelten, das Wispern vergessener Zeiten hing über den Seiten.

„Die Krypten im Osten…“ murmelte Anch und schob Faolan eine brüchige Karte zu. „Manche nennen sie verflucht, andere wieder einfach vergessen. Es heißt, dort sei einst ein Tempel der Wächter gewesen, lange vor der Zeit der Dörfer und des Rates.“

Faolan strich über die Linien der Karte, das Herz voller Unruhe. Etwas zog ihn dorthin, wie ein Echo aus tiefer Vergangenheit.

Nicht weit entfernt hatte Will längst eine andere Art Forscherdrang gepackt. In einer schiefen Schenke – halbdunkel, die Luft nach Bier und alten Fellen – saß er am Tresen und lasch umklammert seinen Krug. Zufällig drang das Gespräch zweier Handelsreisender an sein Ohr.

„…Im Osten, sag ich dir! Dort, wo der Wald dünner wird und der alte Turm steht. Unsere Zugtiere, die sind beinahe verrückt geworden, einfach losgerannt! Musste sie kilometerweit jagen!“

Der zweite Reisende, ein breiter Mann mit vernarbten Händen, schüttelte sich. „Verfluchter Ort, sag ich immer. Die Luft… sie drückt dich wie ein Stein auf der Brust. Hab richtig den Drang gespürt, wegzurennen. Es gibt Leute, die schwören, dort drin wimmelt es von Geistern.“

Will beugte sich näher, spielte mit dem Gedanken noch etwas zu trinken – aber der Rest Neugier in seinem Schädel gewann die Oberhand. „Sag mal, wo soll das genau gewesen sein? Ich kenn die Ostseite – aber von Gemäuern hab ich nix gehört.“

Die Männer musterten ihn, den einen Mundwinkel im Getränk. „Oha, noch einer, der für’n Abenteuer zu haben ist? Da hinten, junger Freund… Siehst du diesen Trampelpfad, wo das Gras schon kaum wächst? Immer Richtung Morgensonne, dann an dieser moosigen Säule vorbei. Niemand geht freiwillig dorthin, sag ich dir. Manche sagen, die Schatten rufen dich beim Namen…“

Ein weiterer Gast am Nebentisch mischte sich ein, krude Geschichten von leuchtenden Augen, die aus der Tiefe starren, und klagenden Stimmen. Je voller die Mägen und leerer die Humpen, umso wilder wuchsen die Ausschmückungen – doch alles, jeder Hinweis, jeder abergläubische Seufzer, drehte sich immer wieder um jene alten Krypten im Osten von Yew.

Will bestellte einen letzten Krug, den Blick in den dunklen Grund gerichtet. Das Schicksal, schien’s, klopfte immer auf Umwegen an. Vielleicht war es Zeit, seltsamen Schatten nachzugehen – notfalls auch nüchtern.
 
Das Gleichgewicht der Schatten

Die Wälder von Yew lagen im sanften Glanz des Nachmittags. Sonnenstrahlen fielen durch dichtes Laub, tupften Lichtflecken auf das Moos. Eraowia ging langsam, der Mantel offen, das Haar vom Wind leicht bewegt. Noch war sie blass, die Narben von Akashas Jagd frisch, doch jeder Schritt schien ihr die Welt ein Stück zurückzugeben.

Faolan hielt sich dicht an ihrer Seite, sein Blick schweifte über Zweige, die wie uralte Bögen über den Pfad gespannt waren. Zum ersten Mal seit Wochen war keine Klinge, kein Ruf, kein Feind zwischen ihnen.

„Ich hatte vergessen, wie schön es ist, einfach zu gehen,“ murmelte Eraowia, fast lächelnd.
Faolan nickte. „Und wie still. Ich wünschte, es bliebe so.“

Eine Weile hörte man nur das Rauschen der Blätter, das ferne Klopfen eines Spechts, den Duft von Erde und Harz. Doch plötzlich kippte die Luft.

Ein kalter Hauch kroch über den Boden, das Licht wurde matter, die Stimmen des Waldes versiegten. Faolan blieb stehen, die Hand unbewusst am Schwertknauf. Ein Kribbeln lief ihm über den Nacken, als dränge die Welt selbst zurück, atemlos vor dem, was kam.

Aus den Schatten zwischen den Bäumen begann sich etwas zu formen – nicht laut, nicht plötzlich, sondern wie Nebel, der eine Gestalt suchte. Eine hohe, düstere Erscheinung, mit Mantel schwarz wie Kohlenglut und Augen, die wie zwei silberne Funken im Dämmerlicht brannten.

„Nicht jede Ruhe bleibt ewig, Faolan,“ sagte die Gestalt mit Stimme, die zugleich fern und nahe klang. „So still der Wald scheint – das Gleichgewicht ist gefallen.“

Eraowia trat unwillkürlich zurück, ihr Griff an den Dolch, ihr Atem beschleunigt. „Wer seid Ihr?“

„Ich bin der Hüter,“ antwortete er ruhig, „Bewahrer des Zirkels alter Nekromantie. Ich war Zeuge, wie Bedlam bebte… wie der Schild zurückkehrte. Bald wird die Rüstung vollständig sein. Und dann wird nichts mehr bleiben, was Leben von Tod trennt.“

Faolan starrte ihn an. „Ihr redet in Rätseln.“

„Nein. In Wahrheiten.“ Der Hüter trat näher, der Boden unter seinen Schritten verdorrte leicht, als würde das Grün selbst fliehen. „Nur ein Teil fehlt zur Vollendung. Nur eines – und dann wird das Herz der Welt entscheiden müssen, was Licht und Schatten bedeutet. Doch ich bin nicht Euer Feind.“

Seine Stimme senkte sich, ruhig, klar. „Helft mir. Findet mir das letzte Stück der Rüstung. Gebt es mir – und ich lasse Euch leben. Ihr könnt wandern, lieben, in Frieden sterben. Aber verweigert mir das…“

Ein kalter Wind erhob sich, Blätter wirbelten rings um ihn zu einem dunklen Kreis. „Dann wird der Tod über die Lebenden kommen. Denn das Gleichgewicht wird sich selbst suchen – auf seine Weise.“

Eine Weile schwieg niemand. Nur der Wind sang zwischen den Zweigen.
Eraowia stand matt und doch aufrecht, Faolans Hand fest in ihrer.

„Und wo finden wir dieses letzte Teil?“ fragte Faolan leise.

Der Hüter lächelte kaum merklich. „Ihr seid schon näher, als Ihr glaubt.“

Dann verschwamm er mit dem Wind – zurück blieb nur die Kälte und das Gefühl, dass der Wald ihnen zugehört und zugleich ganz fremd geworden war.

Faolan und Eraowia standen noch lange schweigend da – zwischen Leben, Liebe und dem Versprechen des Todes.
 

Baal-Draco

Schüler
Am Rande der Vollendung

Der Tempel von BloodHaven war still. Die gewaltigen Säulen warfen lange Schatten, Kerzen brannten träge in kupfernen Halterungen und tauchten die Halle in ein feierliches Zwielicht. Inmitten der Stille stand Baal-Draco, die Rüstung des Psalms – Helm, Beinschienen, Brustplatte, Schild – im Halbkreis vor ihm aufgereiht wie Reliquien aus alter Zeit, das letzte fehlende Teil nur noch Symbol und Sehnsucht.

Er hatte Jahre geopfert, Lügen gesponnen, Blut vergossen für diesen Moment. Jetzt war er alleine, nur die Flamme der Vision brannte noch in seinem Blick, während die Überreste alter Kämpfe in den Steinen widerhallten.

Baal-Draco ließ sich auf den Stufen vor dem Altar nieder. Die Hände ruhten auf den Knien, das Gesicht eingefallen, schwer von Erinnerung.

„Wie viele habe ich verraten? Wie viele geopfert, damit du zusammenkommst, mein Werk…“ Die Worte blieben nur ein Flüstern, verloren im wechselnden Licht.
Vor ihm schimmerte das Metall der Rüstung, jeder Einschlag eine Geschichte, jede Delle ein Totenruf.

Er dachte zurück an Delina und an Anch, an die Tage, als Hoffnung noch heller war als Ehrgeiz, als das Streben nach Macht und die Angst, alles zu verlieren, noch Milch der Jugend gewesen war. Nun war alles alt, abgetragen und blutig.

Sein Lebenswerk lag vor ihm. So nah wie niemals. Und doch wuchs Zweifel im Innersten: Wenn die Rüstung vollendet würde, käme wirklich Frieden? Oder nur ein neuer Krieg? Wäre die Welt gereinigt – oder nur leerer?

Ein Zittern lief durch seine Finger. In der Stille des Tempels erschien ihm sein Gesicht fremd, als lebte er in einem Spiegel aus grauer Vorzeit.
„Fast vollendet…“, murmelte er bitter. „Und doch fehlt das Entscheidende – das, was Herzen trennt von Kriegern. Die Aufgabe, die niemand beschreiben kann.“

Die Schatten ringsum schienen zu lauschen. Die Kerzen flackerten, als wollten sie antworten – aber Baal-Draco blieb allein.

In dieser Nacht war die Sehnsucht nach Vollendung alles, was ihn trug. Doch in der Schwärze des Tempels ließ die Rüstung noch lange nicht zu, dass er Frieden fand.
 

Baal-Draco

Schüler
Worte aus der Dunkelheit

Der Tempel war leer, doch Baal-Draco spürte die Anwesenheit längst verstorbener Stimmen hinter den Wänden. Zwischen zwei zerfledderten Manuskripten, im Schatten einer zerbrochenen Statue, stieß er auf ein Pergament, das er in all den Jahren nie beachtet hatte. Die Schrift war blass, die Zeichen fremd und uralt, jeder Buchstabe ein Tor zu anderen Zeiten.

Er entzifferte die verhakte Prophezeiung Zeile für Zeile, jede Silbe ein dunkler Hauch:

"Wenn der Kreis sich schließt und das Licht den Schatten küsst,
wird ein Freund zum Feind und ein Feind zum Freund.
Wer alten Freunden die Ohren öffnet, wird das Verderben wenden.
Die Gemäuer der Vorzeit werden fallen, neue Hallen aus fremder Erde erstehen.
Das Ende der alten Zeiten rückt näher – und niemand bleibt, wie er war.
Wer das Letzte sucht, muss selbst den Schritt wagen.
Danach wird nichts mehr sein, wie es einst gewesen."

Die Worte schnitten durch Baal-Dracos Gedanken wie eine kalte Klinge.
Freund zum Feind – Feind zum Freund. Alte Mauern nieder, neue Gewölbe geboren aus Asche. Ein Warnruf, ein Mahnmal, ein Weckruf an jeden, der zu lange in Macht und Vergangenheit verharrt.

„Ich muss es selbst tun,“ murmelte Baal-Draco, die Hände fest um das Pergament geschlossen. Kein Bote mehr, kein Spion, keine fremde Hand. Das letzte Teil der Rüstung verlangte nach ihm, nach seiner Entscheidung, nach der Überwindung von Geschichte und Schuld.

Mit jedem Schritt, den er zur Tür des Tempels setzte, wusste Baal-Draco:
Das Ende der alten Zeiten war gekommen. Und der Preis war Veränderung, die niemand kannte, und die alles zerstören – oder neu begründen konnte.

Die Schatten folgten ihm, während um das Relikt im Halbdunkel der Flamme ein neues Zeitalter lauernd erwachte.
 
Vor dem letzten Gang

Die Stube im Herzen von Yew war von flackerndem Lampenlicht durchzogen, Schatten tanzten über verstaubte Regale und die zerkratzte Tischplatte, auf der sich die Karten der östlichen Krypten ausbreiteten. Die Linien der Gemäuer waren kaum noch zu erkennen – verblichen, von Regen und Zeit gezeichnet. Die Linien liefen ins Dunkel einer Welt, die niemand freiwillig betrat.

Anch spähte auf die verwitterten Symbole, ihre Stimme leise, doch fest: „Diese Krypten… dort hält sich niemand lange auf. Die Legenden sprechen von Flüchen, Untoten, Schatten, die selbst den Rat von Yew zum Rückzug zwingen. Ich hätte gerne Verstärkung, aber der Council ist gerade auf Übung – niemand weiß, wann sie zurückkommen.“

Faolan fuhr mit dem Finger über die Karte, die Entschlossenheit brannte in den Augen. „Wir dürfen nicht warten. Jede Stunde geben wir dem Feind mehr Kraft, mehr Zeit zum Suchen. Wenn wir zögern, sind wir zu spät.“

Anch blickte ihn einen Moment nachdenklich an – dann nickte sie langsam, die Spannung in ihren Zügen unübersehbar.
Will prostete mit halbleerem Krug und knurrte: „Schlimmer kann’s ja nicht mehr werden. Verflucht sind wir eh, das merkt man spätestens, wenn man mit dir in die Dunkelheit zieht, Faolan.“

Eraowia griff neben sich nach Faolans Hand und drückte sie, ihre Augen hell und kompromisslos. „Wo du hingehst, gehe ich auch.“ Mit einem schnellen, stummen Schwur rammte sie ihren Dolch mitten in die Tischplatte, die Klinge zitternd im Holz.

Will beugte sich vor, die Stimme rau: „Und was ist mit Akasha? Die Hexe jagt uns immer noch – und der Fürst von BloodHaven hat nie sein letztes Wort gesprochen. Ihr glaubt doch nicht, dass wir einfach so in diese Krypten marschieren und am Ende mit heiler Haut wieder herauskommen?“

Faolan stand auf, die Entschlossenheit in der Haltung. „Zeit verlieren ist unser größter Feind. Wir brechen auf – jetzt.“

In der Stube klirrten Waffen, Rüstungsteile wurden mit festen Händen angelegt, das Licht wurde von grimmigen Schatten und leisen Flüchen durchdrungen. Ein letzter Blick auf die Karten, ein letzter Moment des Zögerns – dann rückten sie die Bänder fest, schulterten die letzten Vorräte und verließen das Haus, jeder mit seinem eigenen Gewicht, dem Mut und der Furcht, die der letzte Gang verlangte.

Vor den Türen von Yew, im ersten grauen Morgenlicht, formierte sich die kleine Gruppe. Die Krypten warteten – und mit ihnen all jene Schatten, die das Ende der alten Zeiten einleiten sollten.
 
Schwelle zur Finsternis

Der Marsch zum östlichen Rand von Yew war von bedrückender Stille begleitet. Zwischen uralten, überwucherten Mauern ragten die Ruinen der Krypten auf – schwarz wie die Erinnerung an einen Fluch. Der Wind stand still, jedes Geräusch schien von den Schatten verschluckt. Kein Vogel, kein Tier wagte sich in die Nähe, selbst das Zwielicht war wie erstarrt.

Die Gruppe hielt am halb eingestürzten Portal, das ins Innere führte. Pflanzen krallten sich in das alte Gestein, Spinnweben glänzten im fahlen Licht. Der Eingang war schmal – die Welt dahinter ein Versprechen aus Dunkelheit und stickiger Luft.

Kaum ein Schritt und schon war alles anders. Fackeln wurden entzündet, deren Licht kaum gegen die Finsternis ankam. Es roch nach Tod; der Moder der Jahrhunderte, alte Knochen und verfallene Rituale hingen in jeder Pore des Gewölbes.

Ein langer Moment des Zögerns. Will fuhr sich durchs Haar, sein Fluchen kam nur als heiseres Flüstern.
„Seid ihr sicher, dass sich das lohnt? Was kann da unten noch auf uns warten – außer der Tod und das Ende von allem?“

Ein leiser Hauch, kaum zu spüren und doch fröstelnd, strich durch die Gänge. Staub wirbelte auf, als hätte jemand tief unter den Steinen den Atem angehalten. Dann, aus der Tiefe, rollte ein Stöhnen. Ein Schrei, klagend, von Schmerz und Sehnsucht, gefolgt von wirren Geräuschen – als ob die Vergangenheit selbst mit aller Macht zurückkehren wollte.

Die Entschlossenheit der Gruppe schwankte. Ringsum waren nur Furcht, Zweifel und die Vorahnung dessen, was jenseits von Licht und Leben lag.

Dann nahm Faolan die Fackel fest in die Hand, das Schwert fest am Gürtel, und marschierte energisch voran – direkt in die Dunkelheit. Eraowia, ihre Miene unerbittlich, folgte ihm, ihre Schritte ein lautloser Schwur. Anch straffte die Schultern, Will fluchte leise, doch der Sog von Kampf und Pflicht ließ sie nicht zurückbleiben.

So drangen sie tiefer in die Krypten, geführt von Licht, das kaum gegen Furcht und Schatten bestand, jeder Schritt der Anfang eines letzten Gefechts – und vielleicht der Beginn eines neuen Zeitalters.
 
Der Herr der Krypta

Je tiefer sie in die Krypten eindrangen, desto mehr schwand ihr Mut. Die Schwärze drängte von allen Seiten, der Gang schien sich selbst zu verengen. Immer wieder hallten Schritte hinter ihnen, Gemurmel kroch durch die Finsternis. Das Rasseln von Ketten, das Klirren von Metall, das schleifend über den Stein gezogen wurde, wurden zu stetigen Begleitern – als wollte die Tiefe selbst sie warnen.

Schatten zuckten im Licht der Fackeln, griffen nach den Wänden, nachdem sie zu fliehen drohten. Die Luft wurde kälter, dichter. Ein unsichtbarer Druck legte sich auf ihre Kehlen und schien jeden Atemzug hinwegzuziehen. Alles in ihnen schrie danach umzukehren, doch der Fluchtweg war schon vergessen – es gab nur noch den Drang weiterzugehen, eng aneinandergedrängt, als einzige Zuflucht in der Dunkelheit.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, klang Gelächter durch den Korridor. Ein höhnisches, kaltes Lachen, das in den Steinen widerhallte und ihre Sinne brüsk auf den Moment fokussierte.

Anch blieb stehen, das Gesicht plötzlich steinerner als sonst. „Es gab immer Gerüchte, dass ein Lich Lord in diesen Katakomben haust,“ flüsterte sie. „Das klingt ganz nach ihm. Die Leiche eines Zauberers, gehüllt in uralte Macht – ewig, leer, gefürchtet. Sie besitzen alles, was sie im Leben besaßen. Aber keine Gnade mehr.“

Kaum waren die Worte gesprochen, begann das Inferno.
Magische Blitze schossen durch die Dunkelheit, Feuerbälle explodierten gegen die Wände, Pfeile zischten im Hagel auf die Gruppe zu. Die Untoten erhoben sich unter gestörten Ritualen: Skelette alter Krieger, Rüstungen halb verfallen, erhoben ihre Knochenhände, wankten vorwärts. Zombies krochen im modrigen Staub, fauliges Fleisch hing an ihnen wie die Erinnerung an Tod.

Doch Anch bewies, warum niemand Licht so schnell auslöscht. Schnell rief sie einen Gegenzauber, ein schimmerndes Schild aus silbernem Licht wölbte sich für eine Sekunde um die Gruppe, fing die schlimmsten Angriffe ab. Der Rest war Kampf – blanke Panik wich dem Mut, den Feind endlich zu sehen.

Faolan schlug mit dem Schwert zu, Eraowia schwang den Dolch, Will warf alles ein, was er an Flüchen und Hieben kannte.
Der Lich Lord stand im eisblauen Dunst am Ende des Ganges, Augenhöhlen wie schwarze Löcher, in denen bläuliches Feuer brodelte. Ein Grinsen, das keine Zähne mehr kannte, sondern nur die Bosheit eines Geistergehirns.

Er hob die Hände, knochenweiß, und mit jedem Schritt, den die Untoten verloren, wuchs sein Zauber. Der Kampf tobte, Magie riss die Schatten auf… doch zum ersten Mal spürten sie, dass dem Fluch nicht nur Entsetzen, sondern Hoffnung entspringen konnte – wenn der Gegner sichtbar und bezwingbar war.
 
Neues Grauen im Dunkel

Die Gruppe taumelte rückwärts durch den labyrinthartigen Gang, während der Widerhall des Kampfes gegen den Lich Lord noch in ihren Knochen vibrierte. Die Fackeln warfen grobe Schatten an die Wände, flackerndes Licht tanzte auf den zersplitterten Schädeln der letzten Skelette und Zombies, welche mühsam niedergerungen wurden. Jeder Atemzug schmeckte nach Blut und Angst.

Doch der Lich Lord hatte sie nicht verfolgt. Stattdessen erbebte die Krypta von neuen magischen Explosionen, heftigen Blitzen und einem Crescendo aus Feuer. Die Gruppe verharrte in der stockdunklen Enge, lauschte dem dröhnenden, fremden Kampfgetöse, unfähig zu sprechen, unfähig zu schreien. Dann wurde das Inferno jäh von einem langgezogenen, unmenschlichen Schrei und einem anschließenden Gekeuche zerrissen – gefolgt von Gelächter. Kaltes, selbstsicheres, triumphierendes Gelächter. Die Gruppe erkannte es sofort.

Akasha.
Die Hexe war zurück – der Lich Lord war besiegt, gefallen vor einer Macht, die noch älter und gefährlicher war als die ihr bekannte Magie.

Ein düsteres Schweigen legte sich über die Gruppe, jeder suchte verzweifelt nach dem nächsten Schritt. Faolan wollte weiter, Eraowia kniff die Lippen aufeinander, Will starrte ins Nichts, seine Furcht und Wut fast greifbar.

Da richtete sich Anch langsam auf, das Gesicht von Entschlossenheit und Resignation zugleich geprägt.
„Wir können hier nicht stehenbleiben. Ich werde mich Akasha stellen – irgendjemand muss sie aufhalten, sonst endet das alles hier. Ihr geht weiter! Findet einen anderen Weg!“

Will wollte protestieren, doch Anch winkte ab, das Licht ihrer Fackel wirkte plötzlich heller, als würde sie an der Schwelle zwischen Geschichte und Schicksal stehen. Ohne weitere Worte bog sie in einen Gang, der Richtung des Gefechts entgegen, jede Regung ein stummer Abschied.

Die übrigen tasteten sich vorsichtig weiter, fanden einen schmalen Durchgang, der tiefer ins Unbekannte führte. Jeder Schritt war ein Wagnis, jede Bewegung ein Bekenntnis und das Wissen, dass der Ausgang dieser Krypten vielleicht nicht mehr in ihrer Macht lag.

In der Ferne brach wieder das Gelächter – und Anch stellte sich dem Dämon aus ihrer Vergangenheit.



Die Gruppe kämpfte sich durch den schmalen Seitengang, jeder Schritt begleitet von der Angst, dass die Untoten jeden Moment zurückkehren könnten. Ihre Fackeln warfen zuckende Lichtkegel auf glitschigen Stein, die Luft war voller Moder und Magieregen.

Nach der Trennung von Anch spürten Faolan, Eraowia und Will, dass etwas am Ort sich verändert hatte. Das gewaltige Echo von Akashas Magie hallte hinter ihnen – schon jetzt fühlte sich der Weg weiter, dunkler und fremder an, als noch zuvor.

Immer wieder öffneten sich kleine Kammern am Gang, gefüllt mit mumifizierten Überresten früherer Abenteurer, verrosteten Waffen und zerbrochenen Schilden. Die Gruppe tastete sich hindurch, suchte nach Hinweisen, wie sie zum Herz der Krypta gelangen und das begehrte letzte Teil der Rüstung finden könnten.

Eraowia stieß auf eine Wandinschrift, halb verätzt, auf der die Worte eines alten Hüters zu lesen waren:
„Nur wer mit reinem Willen und offenem Geist tritt hier ein, besteht die letzte Prüfung.“

Plötzlich hörten sie wieder Geräusche – aber diesmal das Knistern von magischen Siegeln. Faolan entdeckte einen verborgenen Mechanismus, der eine Falltür in den Boden öffnete. Dahinter lag eine Wendeltreppe, rot glühend von Runen, die Gefahr und Hoffnung zugleich versprachen.

Will murmelte: „Lasst uns ehrlich sein: Umkehren ist keine Option. Der Weg durch die Dunkelheit ist jetzt unser einziger.“

Mit letzter Kraft folgten sie der Treppe. Treppenabsätze, Geheimgänge und Nebelräume testeten ihren Mut und ihre Loyalität zueinander – Visionen vergangener Schuld und künftiger Opfer warfen jeden Schritt zurück auf die Frage: Was bin ich bereit für das Licht zu opfern?

Schließlich erreichten sie eine große Kryptahalle, deren Zentrum eine einzelne, steinerne Säule bildete. Auf ihr: das letzte Artefaktstück, von einem Bannkreis geschützt, uralte Geister kreisten darüber.
 
Die letzte Prüfung

Sie fanden sich in einer großen Kammer wieder. An den Wänden prangten uralte Fresken, von schleichendem Grün überwachsen, blätternd, doch in ihren Farben immer noch leuchtend. Rätselhafte Symbole, verschlungene Tiere, Engel mit schwarzen und weißen Flügeln, und dazwischen Szenen von Prüfungen und Erleuchtung. An einer zentralen Säule brannte ein ewiges Licht, schwach und von Nebel umflossen – darauf, von Bannzeichen umgeben, das gesuchte Artefakt.

Will trat näher, fuhr mit den Fingern über die Bilder – alles schien bedeutungslos, wirr. Doch Faolan und Eraowia prüften die Zeichen, entzifferten alte Worte, verglichen sie mit Geschichten, die sie in Yew gehört hatten. Eine verborgene Bedeutung offenbarte sich nur langsam:
„Nur wer bereit ist, seinen größten Fehler anzuerkennen und zu bekennen, darf das Licht frei berühren.“

Nach Momenten des Grübelns und Streitens beginnt jeder, seine eigene Schuld, Versagen, Angst vor den anderen – und vor allem vor sich selbst – laut zu benennen. Will gesteht seine Feigheit und Selbstsucht, Eraowia spricht von verratener Liebe, Faolan von Schuld und Verantwortungsflucht. Stück für Stück beginnen die Fresken zu leuchten, Farben wandeln sich, Bannzeichen verglimmen.

Ein silbernes Licht ergießt sich über die Kammer. Das Artefakt kann ergriffen werden. Doch in dem Moment, als Faolans Finger den kühlen Stein berühren, verändert sich alles – das Licht wird kalt, Schatten werden länger, die Temperatur sinkt abrupt. Ein geheimnisvoller Wind zieht auf, als wäre durch ihre Erkenntnis etwas Altes geweckt worden, das ihnen nun gegenübertritt.

So stehen sie, das Artefakt in der Hand, am Übergang zwischen Licht und Dunkel – und wissen, dass die Entscheidung, die jetzt folgt, alles für immer verändern wird.
 
Mit jedem Herzschlag wurde die Kälte unerträglicher, ein frostiger Nebel legte sich über die Glieder der Gruppe, lähmte Fleisch, Knochen und Willen. Niemand konnte sich mehr bewegen, der eigene Atem dampfte nur noch als matter Hauch im erfrorenen Zwielicht. Unsichtbare Bänder schnürten ihnen die Kehlen zu – Magie, älter und mächtiger als alles, was sie je erlebt hatten.

Blitze zuckten wie Peitschen durch die Kryptahalle, schleuderten den Gestank von Ozon und einen Funkenregen aus uraltem Zauber gegen die Wände. Die Temperatur stürzte ab ins Unerträgliche. Faolan spürte, wie ihm das Bewusstsein entglitt. Keiner von ihnen hatte auch nur einen Moment Zeit, um die Gefahr zu begreifen oder sich zu wehren – dann zerbarst die Welt in Licht und Schmerz.

Eine magische Detonation schleuderte sie umher wie Spielzeugfiguren. Flammen leckten über Haut, Rüstungen wurden glühend, Knochen knackten im Aufprall, der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Krypta. Dann – absolute Stille.

Als sich das pochende Rauschen in den Ohren legte und das Licht langsam zurückkehrte, sah Faolan über sich einen dunklen Schatten, Silhouette und Aura zugleich. Baal-Draco. Der Fürst von BloodHaven stand regungslos über ihm, das Artefakt bereits in seiner Hand – ein kaltes Licht ging von ihm aus. In seinen Zügen lag Macht, Finsternis und der ironische Glanz von Mitleid.

Faolan wollte sich rühren, fluchen, kämpfen, doch alles, was blieb, war ein heiseres Keuchen und Husten.
Baal-Draco beugte sich hinab zu ihm, fast nachdenklich – mit jener Mischung aus Respekt und Wehmut, die nur nach großen Siegen oder bitteren Abschieden in den Augen eines Fürsten lodert.

„Hier endet eure Geschichte“, sprach der Fürst laut und deutlich, die Stimme wie eine Klinge, die Luft messerscharf. „Ihr wart harte Gegner. Hartnäckiger, als ich je erwartet hätte. Ich habe Respekt vor eurem Mut – das macht euch einzigartig in einer Welt voller Schatten und Feiglinge.“

Seine Augen ruhten einen Moment auf jedem von ihnen. Die Flamme magischer Macht loderte um ihn auf, Flammenzungen tanzten im Kreis, drohten, das letzte Licht zu verschlingen.

Da erklang von hinten eine bekannte Stimme, rau, flehend: „Fürst, Ihr habt, was Ihr wolltet. Habt Erbarmen – um unserer alten Freundschaft willen.“

Anch, gezeichnet vom Kampf, taumelte in die Halle, die Hände voller Blut, das Gesicht gezeichnet von Entschlossenheit und Schicksal. Baal-Draco wandte sich ihr zu; sein Blick wurde weicher, beinahe mitfühlend. Ein Moment lang war einer der mächtigsten Magier der Gegenwart nur ein Mensch, der im Zwiespalt zwischen Gier und Erinnerung stand.

Er hob das Kinn, betrachtete Anch tief. „Um der alten Zeiten willen“, murmelte er, und langsam, sehr langsam, ließ er von Faolan ab.
Dann trat er einen Schritt zurück, das Artefakt an die Brust gepresst, das Gesicht im Schatten verborgen – und mit einem letzten, wortlosen Nicken verschwand er in der Dunkelheit der Krypten.

Stille kehrte ein. Die Gruppe war schwer verwundet, jeder atmete stöhnend, doch sie lebten. In ihren Augen mischten sich Erleichterung, Schmerz, Trauer und das Wissen, dass die Artefakte für sie nun nicht mehr erreichbar sein würden.
 
Zurück in Yew

Die Stube der Heilerin war warm und leise, ganz im Gegensatz zur Kälte und Dunkelheit der Krypten. Faolan, Eraowia und Will lagen auf notdürftigen Lagerstätten, ihre Wunden frisch verbunden, das Licht flackernd im Krug. Lana hockte am Fenster, neugierige Augen auf Anch gerichtet.

Anch saß am Rand des Tisches, gesäumt von zitternder Müdigkeit – doch als sie ihre Stimme erhob, wurde die Stille zum Spiegel für alle:

„Ihr wollt wissen, wie es war mit der Hexe?“
Ihre Finger spielten mit der Borde eines alten Verbandes.
„Ich war allein – und es war, als hätte der Schatten selbst mich erwählt, dort zu sterben. Akasha wirkte größer als jeder Tod, ihr Haar war ein blutroter Schleier, die Augen wie das Versprechen eines Endes. Sie warf Zauber wie Messer, riss mir die Luft aus der Brust. Die Mauern rochen nach Blut und Eis, jeder Schritt tat weh.“

Anch blickte zu Will, der schwieg.
„Ich sprach Gegenzauber, band Licht an meine Hände, versuchte, mich an Hoffnung zu klammern. Aber Akasha lachte nur – sie war uralt, und ihre Magie war Hunger. Mit jedem Schlag wurde ich schwächer; Schattenarme packten meine Beine, Flüche verätzten meine Haut. Dann drohte sie, mich zu zerreißen.“

Sie hielt kurz inne, Augen auf Lana gerichtet.
„Doch aus dem Dunkel kam Hilfe. Der alte Magier, der in den Krypten wachte, sprach einen Bann, opferte allerletzte Lebenskraft. Mit einem alten Lied band er Akasha für einen Moment an die Tiefe zurück. Er wusste, dass es sein Ende war – die Energie von Akasha zerschlug ihn wie den Rest einer Erinnerung.“

Anch senkte die Stimme. „Doch in dieser einen Sekunde, in der die Dunkelheit von ihm abgelenkt war, konnte ich alles, was blieb, in einen Stoß setzen. Ich rammte ihr meinen Dolch in die Seite, hörte ihren Fluch, roch ihr Blut – und sah, wie sie zurückwich. Geschlagen, aber nicht vernichtet, schrie sie wie ein Tier und verschwand in die dunklen Gänge. Ihr Gebrüll jagte mir noch Angst ein, aber der Weg war frei.“

Sie atmete schwer aus und lehnte sich zurück.
„So habe ich ihn für uns gewonnen – mit allem, was er hatte, und allem, was ich war.“

Lana schaute lange ins Feuer. „Dann bleibt jetzt nur abzuwarten, was die Welt daraus macht.“

Die Gruppe lauschte der Geschichte, jede Wunde brannte weniger, aber in ihrer Brust fraß das Wissen um Akasha, den gefallenen Magier und das, was nun auf sie alle wartete.
 
Schattenruf im Turm

BloodHaven war in dunkles Schweigen gehüllt. Im alten Nordturm, wo die Zeit an den Steinwänden nagte, saß Hrorr an seinem kleinen Schreibtisch. Kerzen flackerten hilflos gegen die Finsternis an, nur um schließlich, eine nach der anderen, zu erlöschen. Hrorrs Miene war verbissen, seine Gedanken voller Bitterkeit. Was war aus seiner Stellung geworden? Erst die Demütigung als Statthalter, nun als Diplomat abgeschoben, zuletzt kaum mehr als ein verlängerter Arm der Macht – und doch war da dieses Gefühl, zu Größerem bestimmt zu sein.

Ein leiser Zug in der Luft – eine Präsenz, kalt und fremd. Hrorrs Hand glitt instinktiv zum Schwert, während er sich blitzschnell umdrehte.

Im schwachen Feuerschein hob sich aus dem Zwielicht eine Gestalt, der Mantel voller Nacht, die Gesichtszüge wie aus Nebel gehauen: der Nekromant von Bedlam. Er stand still, ruhig, beinahe freundlich, und doch wehte von ihm ein Duft uralter Gräber.

„Hrorr,“ begann er mit samtweicher Stimme, „wie viele Jahre hast du hier im Schatten gelebt? Wie lange, meinst du, wartest du noch auf das, was dir gebührt?“

Hrorr spürte, wie Gier und Zweifel wie warmer Wein durch seine Adern krochen. „Was willst du Nekromant? Ich schulde dir nichts.“

Der Fremde lächelte, sacht, als wäre er über Hrorrs Trotz amüsiert. „Du solltest hier herrschen. Baal-Draco ist alt, er versteht nicht mehr, was Macht bedeutet. Darum komm ich zu dir – ich kann dir geben, was du verdienst: Die Rüstung. Die Welt. Du bist kein Handlanger, sondern ein Fürst. Wenn du willst, sogar ein König. Bring mir die Rüstung – und BloodHaven, vielleicht die ganze Welt, liegt dir zu Füßen.“

Ein Schauder lief Hrorr über den Rücken. Er schwankte zwischen Loyalität und der dumpfen Verlockung von Verrat. Die Flamme der Kerzen zuckte auf, als der Nekromant weiterflüsterte: „Fühlst du es nicht, Hrorr? Dass die Welt auf einen neuen Herrn wartet? Hol die Rüstung nach Umbra – und ich mache dich mächtiger als Baal-Draco je war.“

Ein Moment des Schweigens. Dann legte der Nekromant die Hand ans Herz, wie ein dunkler Priester vor dem Altar und trat zurück in den Schatten. Die Tür fiel ins Schloss wie ein Versprechen – oder eine Drohung.

Hrorr stand allein im Schein der letzten Kerze. Die Versuchung brannte wie Gift und Hoffnung zugleich.
 

Baal-Draco

Schüler
Baal-Draco erfuhr von Hrorrs Verrat nicht durch Zufall, sondern als Bestätigung eines längst einkalkulierten Verdachts. Alijan Draco kniete vor ihm, der Staub der Reise noch auf dem Mantel, und berichtete ruhig:

„Fürst... der alte Nekromant von Bedlam wurde in Hrorrs Turm gesehen. Sie sprachen lange. Es wirkte... vertraut.“

Baal-Draco lehnte sich zurück. Kein Fluch, kein Aufbrausen, nur ein kaum wahrnehmbares langsames Nicken. Die Schatten des Tempels legten sich wie eine zweite Haut über seine Rüstung.

„Wie erwartet“, murmelte er. „Hrorr war nie gut im Verbergen seiner Sehnsüchte.“

Alijan wagte einen vorsichtigen Blick. „Wollt Ihr, dass ich...?“

„Nein“, unterbrach ihn Baal-Draco ruhig. „Du hast getan, was ich verlangt habe. Der Rest ist eine alte Rechnung zwischen mir und Umbra.“

Er erhob sich, jede Bewegung fließend, kontrolliert. Es war, als würde die Rüstung nicht ihn tragen, sondern Teil seines eigenen Fleisches sein. Während Diener und Wachen ehrfürchtig zur Seite wichen, war auf seinem Gesicht nichts als eiskalte Ruhe. Keine Eile. Kein Zorn. Nur Entschluss.

„Die Nekromanten von Umbra“, sagte er leise, eher zu sich selbst als zu Alijan Draco, „haben nie verstanden, dass Macht mehr ist als das Horten von Knochen und Seelen. Und sie haben mir nie verziehen, dass ich wagte, meinen eigenen Schülern Nekromantie zu lehren. Er dachte dabei kurz an Elenia und Vlad. Nun mischen sie sich wieder ein.“ Er lächelte kurz, kalt. „Dann will ich sie daran erinnern, wem sie ihre Kunst verdanken.“

Er ging allein durch das Portal nach Umbra.

Die Stadt empfing ihn wie eh und je: schwarz, schweigend, von blassem Hexenlicht beleuchtet. Baal-Draco schritt den Turmweg zum Sitz des Nekromanten hinauf, als würde er ein altes Haus betreten, das ihm seit Jahren gehörte. Niemand hielt ihn auf. Vielleicht wagte es niemand. Vielleicht wusste niemand, dass der Fürst von BloodHaven hier war.

Im Inneren des Turms roch es nach altem Pergament, kalter Asche und längst verflogenen Zaubern. Auf dem Thron aus gebleichtem Knochen saß nicht der Meister, sondern nur ein schmaler, nervöser Gehilfe, der erschrocken zusammenzuckte, als Baal-Draco eintrat.

„Wo ist dein Herr?“ Die Stimme des Fürsten war leise, doch sie füllte den Raum wie ein Befehl.

„Ich... ich... Fürst, ich wusste nicht, dass—“

Baal-Draco hob nur eine Hand. Ein feiner, dunkler Faden aus Magie legte sich um den Hals des Mannes, nicht eng genug, um ihn zu ersticken, aber fest genug, um alle Fluchtgedanken zu ersticken. Die Kerzen flackerten kurz, als würde die Luft selbst den Atem anhalten.

„Spare dir die Ausreden. Du hast einen Meister, der gerne mit fremden Figuren spielt. Und du hast Angst, jetzt den falschen Gegner vor dir zu haben.“ Er trat näher, seine Augen kühl, fast gelangweilt. „Ich stelle nur eine Frage – und ich stelle sie nur einmal: Wo ist er?“

Der Gehilfe versuchte, tapfer zu wirken. Es misslang kläglich. Baal-Dracos Magie kroch ihm wie Eiswasser den Rücken hinauf, legte sich auf Muskeln und Nerven. Es war keine Folter im klassischen Sinn, kein Schrei, kein Blut. Nur ein präziser Griff in das Geflecht aus Willen und Furcht.

„Du wirst alles sagen“, flüsterte der Fürst, „weil du weißt, dass dein Schweigen dir mehr Schmerzen bereitet, als dein Verrat ihm je antun könnte.“

Der Mann krümmte sich, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Seine Hände krallten sich in die Lehnen des Stuhls, als könnte der spröde Knochen Halt geben.

„D-Dungeon...“ presste er hervor. „Dungeon Doom... Raum des Dungeon Keepers...“

Die Magie ließ nach. Er sackte zusammen wie eine leere Hülle, die letzten Kräfte versickerten aus seinen Fingern. Die Augen suchten noch einen Moment Halt im Gesicht des Fürsten.

„Ihr... ihr werdet ihn... dort finden...“ flüsterte er heiser, dann erlosch das letzte Licht in seinem Blick.

Baal-Draco betrachtete den leblosen Körper mit der sachlichen Ruhe eines Mannes, der das Ergebnis eines Experiments prüft. Kein Triumph, keine sichtbare Regung von Mitleid – nur ein kurzer, kaum messbarer Anflug von Bedauern darüber, wie schnell diese Figur gebrochen war.

„Natürlich werde ich ihn finden“, sagte er leise, mehr zum Raum als zum Toten. „Er kennt meine Wege so gut wie ich seine. Aber diesmal, alter Freund…“ Seine Lippen verzogen sich zu einem dünnen, humorlosen Lächeln. „... sind die Regeln meine.“

Er wandte sich ab, Mantel und Rüstung glitten durch das schmale Turmfensterlicht wie ein wandernder Schatten. Für Baal-Draco war dies kein Ausbruch, kein Anfall von Rache – es war schlichte Notwendigkeit. Ein weiterer Zug auf einem Brett, das er längst für sich beansprucht hatte.

Dungeon Doom. Raum des Dungeon Keepers.

Die Koordinaten waren gesetzt. Der Fürst von BloodHaven machte sich auf den Weg, mit jener Kaltblütigkeit, die nur jemand besitzt, der weder seine Macht noch seine Entschlossenheit je in Frage gestellt hat.
 
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